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Besser als sein Ruf

Von Barbara Maey | 3. Juni 2022

Warum gibt es in vielen Schweizer Restaurants kaum Schweizer Weine auf der Karte? Ein schlechter Ruf hängt nachhaltig an den hiesigen Weinen - das haben sie nicht verdient!

Haben Sie in einem Restaurant in Frankreich schon einmal ein Glas Chianti bestellt? Oder in Italien ein Glas weissen Sancerre? Das erscheint uns geradezu absurd, nicht wahr? Auch bei meinem Besuch in Österreich letzthin ist mir wieder aufgefallen, dass es im Offenausschank nur einheimische Weine gibt.

Warum bloss ist das in der Schweiz nicht so? Fehlt es an guten Weinen? Sind sie zu teuer? Oder fehlt es eher an deren Wertschätzung?

Bis 2001 gab es Beschränkungen für Weinimporte in die Schweiz. Die Idee dieser protektionistischen Massnahme war natürlich, den Verkauf von Schweizer Weinen zu fördern. Bestimmt wurde diese Wirkung nicht verfehlt, doch die Qualität des Weines wurde dadurch nicht besser, im Gegenteil.

Seit der Aufhebung der Importbeschränkungen 2001 und der konsequenten Einführung der geschützten Herkunftsbezeichnungen in der ganzen Schweiz ist jedoch sehr viel passiert in Sachen Qualität im Schweizer Weibau. Der Fokus wird heute vermehrt auf Qualität statt auf Quantität gelegt. Alte Rebsorten, die am Verschwinden waren, wurden wiederentdeckt und neu angepflanzt. Auch Ertragsbeschränkungen und sorgfältige Vinifikation leisten ihren positiven Beitrag. Eine neue, innovative Generation ist am Werk. Niemand kann heute ernsthaft behaupten, es gebe keine guten Schweizer Weine.

Und der Preis? Im tiefsten Preissegment können die Schweizer Weine mit der Konkurrenz aus dem Ausland schwer mithalten, im Segment zwischen 15 und 30 Franken jedoch durchaus. Nun ist es ja nicht (mehr) so, dass Restaurants im Offenausschank den billigsten Fusel verkaufen. Also zieht auch das Preisargument nicht.

Ich glaube, dass die Misere ihren Ursprung in unseren Köpfen hat. Probieren Sie doch mal einen Gamay. Er ist besser als sein Ruf. (Als Beaujolais haben Sie ihn vielleicht schon getrunken.) Aber Sie werden ihn wohl in keinem Restaurant ausserhalb des Wallis auf der Weinkarte finden (ausser hier). Fragen Sie einfach danach. Vielleicht bewirkt es etwas...

Zur Autorin

Im Wein soll die Wahrheit liegen, sagten die Römer. Und die ist bekanntlich subjektiv – genauso wie Wein letztlich Geschmackssache ist. Barbara Maey bloggt als La Terroiriste über ihre Wahrheiten und Lieblingsweine, aber auch über Anbaumethoden und den gesellschaftlichen Umgang mit Alkohol. Viel Spass bei der Lektüre!


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